Junge Sportler berichten von Träumen und Problemen

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Junge Sportler berichten von Träumen und Problemen

Von Bernd Schneiders / Aachener Nachrichten 02.02.2011

Bericht über Lars Entgens (letzter Teil des Textes)

Hergenrath. Die Vier haben etwas gemeinsam: Sie sind noch nicht von Felix Magath trainiert worden und haben deshalb ihre Schule oder Ausbildung auch nicht abgebrochen. Eine Tennisspielerin, eine Schwimmerin, ein Judoka und ein Handballspieler, Sportler aus der Region, die in unserer Serie «Talentschau» über ihre Träume und Probleme erzählt haben.

Ein Jahr später berichten sie, was daraus geworden ist - mit zum Teil erschreckenden, aber auch vielen positiven Erfahrungen.

Tennis ist mitunter ein Sport mit Netz, aber ohne doppelten Boden. Eine mehr als schmerzhafte Erfahrung für Pia Braun. Vor einem Jahr stand sie noch auf dem Sprung, in die große Welt des Frauentennis vorzustoßen. Nun aber ist ihre komplette sportliche Zukunftsplanung mindestens gefährdet. Statt sich weiterhin in Barcelona in der Tennis-Akademie Sanchez-Casal für ihren großen Traum zu stählen, liegt sie im heimatlichen Hergenrath/Belgien buchstäblich flach.

Die Knochen gebrochen

Der 16-Jährigen wurden kurz vor Weihnachten die Knochen gebrochen - in einer Spezialklinik in Wuppertal. Zuvor war die Ursache ihrer permanenten Schmerzen in der Leiste festgestellt worden. Die schmerzhafte Diagnose: Hüftgelenksdysplasie. Um das Gelenk freizumachen, mussten bei Pia Braun mehrere Knochen gebrochen werden. Zehn Tage Aufenthalt in Wuppertal, seitdem liegt das Tennis-Talent zu Hause im Bett. Fortbewegung ist nur ganz kurz erlaubt, mit Krücken natürlich. In zwei Wochen hofft sie wieder auf den Beinen zu sein. Mit Gehwerkzeugen weiterhin.

Tennis spielen ist frühstens in sechs Monaten möglich. Und - was zu befürchten ist - auf einer anderen Ebene. «Ein halbes Jahr zu verlieren, ist ein großes Problem. In der Zeit entwickeln sich die anderen alle weiter», sagt Pia Braun. «Gerade im Alter von 16, 17 oder 18 steht der Wechsel in die Frauenwelt des Tennis an. Das ist ein Riesen-Schritt.»

Die ersten Tränen sind getrocknet, die Schmerzen innerlich und äußerlich akzeptiert. Pia Braun war immer eine Kämpferin, ansonsten hätte sie den Schritt weg von der Familie hin zur Tennis-Akademie in Spanien bereits mit 13 Jahren nicht geschafft. «Anfangs war ich ziemlich fertig. Ich liebe Tennis. Inzwischen aber habe ich mich damit abgefunden.» Ganz abgeschlossen hat sie ihre alten Träume noch nicht. «Ich muss sehen, wieŽs im Sommer geht.» Es droht eine zweite Operation an der linken Hüfte. Das wäre das Aus für eine Zukunft im Profi-Tennis. «Aber weiter Tennis spielen werde ich auf jeden Fall.» Mut machen die Röntgenaufnahmen, die am Montag gemacht wurden. «Es hat sich nichts verschoben», atmet Pia Braun auf.

Die Kolleginnen in Barcelona vermisst sie kaum, viel mehr «das Training und auch die Fitnesseinheiten». Die engsten Beziehungen hat sie eh zur ihren Freunden in der Heimat gepflegt. Die helfen in der harten Zeit, und besonders auch ihre Eltern. Vater Mirkos Hilfe allerdings ist eingeschränkt. Die tägliche Thrombose-Spritze muss die Nachbarin setzen. «Papa würde umfallen», schmunzelt Pia über die Schwäche des ehemaligen eher rustikalen Fußballers, der heute Hertha Walheim trainiert.

Nur zwei Wochen Unterricht verpasst die 16-Jährige. Seit September besucht sie wieder die Pate-Damian-Schule in Eupen. Ihr Ehrgeiz hat sich nie auf das Tennis beschränkt. Schon im Sommer macht sie Abitur, weil sie zuvor eine Klasse übersprungen hat. Wenn sie dann ihre Tennis-Karriere endgültig beenden muss, «werde ich halt sofort studieren». Ihre Lebensplanung zahlt sich aus. Pia Braun hat sich einst für das große Tennis entschieden, aber mit Netz und doppeltem Boden. Die Schule fängt den Absturz auf.

Stefanie Czayka - Schwimmerin

Stephanie Czayka hat ihren Traum bereits endgültig begraben. Ein Finale bei den Deutschen Meisterschaften wird die Schwimmerin aus Übach-Palenberg nicht mehr erleben. Zumindest nicht im Becken. Sie hat sich für eine Ausbildung entschieden. Der berufliche Fortschritt bedingt den sportlichen Rückschritt. Die Ausbildung zur Industriekauffrau bei der EBV in Stolberg mit paralellem Studium lässt nur noch wenig Raum für Training. Dennoch sahnte sie bei den Kurzbahn-Bezirksmeisterschaften mit fünf Titeln wieder kräftig ab. Mit nur ein Mal Training die Woche statt wie zuvor fast täglich? «Ich war selbst überrascht. Allerdings bin ich überall zwei Sekunden langsamer geworden.» Die 20-Jährige könnte zum dritten Mal Schwimmerin des Jahres werden. Auf der nächst höheren Ebene aber ist Stephanie Czayka ein Auslaufmodell. «Bei den NRW-Meisterschaften hole ich keinen Titel mehr.»

Sprudelnde gute Laune

Dennoch sprudelt die Schwimmerin vor guter Laune nur so über. «Puh, das ist schon anstrengend für mich, Schule, Ausbildung und Studium - das ist eine ganz andere Welt.» Aber auch mit sogar sehr frühen Erfolgserlebnissen. «Von wegen nur Kaffeekochen: Ich durfte bei der EBV schon selbstständig arbeiten.» Und auch in die reale Welt eintauchen. Zur Zeit arbeitet die Schwimmerin in der Debitoren-Abteilung. Auch im Außendienst, beim Schulden «eintreiben». Ist da das breite Kreuz einer Schwimmerin hilfreich? «Nee, ich habe letztens noch das Kompliment bekommen, dass ich für eine Schwimmerin aber sehr schlank aussehe.»

Stephanie Czayka ist eben ein Naturprodukt. Der Gang zur Apotheke war auch schon deshalb ausgeschlossen, weil die Planung nie auf den Schwimmsport allein fokussiert war. «Ich wollte nie Schwimmen als Beruf machen. Es war für mich Hobby.» Deshalb hat sie auch die Entscheidung pro Ausbildung nie bereut. «Ich muss viel quatschen und nicht nur mit dem Gesicht im Wasser leben.»

Robin Bleuel - Handballer

Robin Bleuel hat zugelegt, von 84 Kilo auf 90 Kilo. Innerhalb von einem Jahr. Das hat auch mit den Bonbons zu tun, die für den jungen Handballer in den letzten Monaten abfielen. «Drei Monate durfte ich schon mit der 1. Mannsaft trainieren», freut sich der Aachener. Denn das ist eine Auszeichnung. Im Alltag spielt Bleuel in der Zweiten von TSV Bayer Dormagen, die im Mittelfeld der Regionalliga liegt. Auch schon eine Herausforderung und ein Stahlbad, durch das er nur zu gerne geht. «Dort spielen viele mit wesentlich mehr Erfahrung und auch körperlichen Vorteilen.» Doch mittlerweile gehört er zum Stamm-Personal, und die Einladung zum Training mit der Bundesliga-Mannschaft ist eine Auszeichnung. Dort kommen Perspektivspieler zum Zuge. Als solcher kann er das Plus von sechs Kilo gut gebrauchen. Zumal er mit 1,80 Meter nicht unbedingt zu den Größten gehört. «Das muss ich kompensieren», freut sich der 19-Jährige über den antrainierten Muskel-Zuwachs.

Zweimal wöchentlich: Krafttraining

Zweimal in der Woche gehtŽs ab in den Kraftraum. Unter Kontrolle natürlich, denn die Explosivität darf ein Handballer nicht verlieren. Speziell Robin Bleuel nicht, denn der Aachener ist ein Emotionsspieler, der den Kontakt mit dem Gegner sucht und braucht. «Ein, zwei Jahre», hatte er vor einem Jahr für die Lehrzeit in der Regionalliga veranschlagt. «Das ist ein Schritt nach vorn», urteilt er über den ersten Abschnitt. Und gibt dennoch zu, dass es einem schon mal nicht schnell genug geht. Doch die Ungeduld ist sein Treibstoff, und wird von den Trainern und auch einigen Spielern aus der 1. Mannschaft kanalisiert. «Die helfen mir, geben Tipps», sagt Bleuel.

Und einer fungiert als wandelndes Vorbild. Maximilian Holst spielt auf seiner Position, im zentralen Rückraum. Der ist auch erst Jahrgang Ž89 und «genauso groß wie ich», beschreibt Bleuel sein Vorbild und Konkurrenten in spe. «Wir verstehen uns bestens, schließlich haben wir in der Jugend ein Jahr zusammengespielt.» Der Sprung ist machbar. Sogar noch höher. Natürlich verfolgen die Dormagener Handballer die WM in Norwegen. Adrian Pfahl spielte für zwei Jahre für Dormagen, bevor er zu Gummersbach wechselte. Träumen ist erlaubt, die Realität sieht ein schulische Hürde vor: Im Sommer macht Robin Bleuel das Abitur. Eigentlich der Abschied vom Dormagener Sportinternat. Doch statt Studium will er seinem Klub möglichst nahe bleiben: Er wird ein soziales Jahr im Verein leisten.

Lars Entgens - Judoka

Es gibt auch «einmalige» Ziele: Ein großes Judo-Talent hatte es - und hat es auch erreicht. Lars Entgens träumte vor einem Jahr von einem Bundesliga-Einsatz, und bekam ihn. Den verlor er zwar, aber der Gegner versüßte die Niederlage. Gegen den Kumpel und Ex-Teamkollegen Benjamin Berla verlor der 18-Jährige vorzeitig - «aber das war abzusehen». In der Regionalliga-Mannschaft, seiner eigentlichen sportlichen Heimat anno 2010, gewann der Schwergewichtler bis auf zwei alle Kämpfe. Und lag damit über dem Soll, das seine Trainer vorgaben: «Erst mal die Hälfte . . .» Und selbst ein Total-Erfolg war möglich. «Die zwei Kämpfe habe ich äußerst dumm verloren.»

Judo wird eben nicht nur mit Muskeln und Technik, sondern auch im Kopf entschieden. Doch der scheint bei Lars Entgens recht klar zu sein. Den extrem problematischen Übergang von den Junioren zu den Männern absolvierte der Lammersdorfer mit Bravour. Platz 7 bei den Deutschen Meisterschaften der Landesverbände (vier Kämpfe gewonnen, alle vorzeitig) und bei der «zweiten» Deutschen Meisterschaft, bei der eine Teilnahme nur über die Rangliste geht, startete der Einsteiger als einziger Herthaner. Die zwei Niederlagen konnten diese «Ehre» auch nicht trüben. Er startete als «Benjamin» Entgens: Er war der Jüngste im Turnier, und der Einzige aus seinem Jahrgang. Lars (!) Entgens Jahresrückblick fällt dementsprechend selbstbewusst aus: «Es gibt nicht viele, die so einen Einstieg haben.» Die Trainer pflichten ihm bei: «Du bist eingeschlagen bei den Männern.»

Mit leuchtenden Augen erzählt der 18-Jährige über seine «Profi-Zeit». Die dauerte nur wenige Monate, zwischen Ende der Schulzeit und Start ins Berufsleben. Da konnte er jeden Tag zwei Mal trainieren. Seit September aber absolviert er eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Mit zwangsweise reduziertem Trainingsprogramm. Die berufliche Lehre macht Spaß, doch der ehrgeizige Kämpfer bemerkt, «dass meine Entwicklungsschritte vorher natürlich größer waren».

Lars Entgens ist von Kopf bis Fuß auf seinen Kampfsport eingestellt. «Ich bin Judo-verrückt.» Doch Profis gibt es nicht in Deutschland - es sei denn, man schafft den Einzug in eine Sportförderkompanie der Bundeswehr. Aber auch so freut sich Amateur Entgens auf die nächste Bundesliga-Saison. Die zahlreichen Verletzten bei Hertha Walheim werden ihm viele und harte Einsätze garantieren. Abstiegskampf ist angesagt.

(Quelle: AZ/AN vom 02.02.2011)

Autor: Frank Heynen

Letzte Änderung: 15.04.2014

Erstellt am: 02.02.2011


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