Ein Kämpfer auf und neben der Matte

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Ein Kämpfer auf und neben der Matte

Für Patrick Haas und den TSV Hertha Walheim geht es am Samstag gegen Bottrop um den Klassenerhalt in der Judo-Bundesliga

Von Heribert Förster

Stolberg. Vielleicht wird Patrick Haas in zehn Jahren irgendwo in Spanien an einer deutschen Schule unterrichten. Oder er gibt gerade ein Statement ab als Bürgermeister von Stolberg oder als SPD-Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Eher unwahrscheinlich ist dagegen, dass er als Judo-Bundestrainer seine Kämpfer auf die Olympischen Spiele 2024 vorbereitet. ?Das schließe ich aus?, sagt Haas, ?als Bundestrainer ist man ja nie zu Hause.?

Es klingt fast schon komisch, wenn Patrick Haas das so sagt. Haas, der Judokämpfer im Bundesliga-Team von Hertha Walheim. Haas, der Trainer der Bundesliga-Judokas. Haas, der Trainer von Walheims Halbschwergewichtler Lars Entgens. Haas, der Trainer der U-12-Talente bei der Hertha. Haas, der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Stolberg Nord-Süd. Haas, der Vorsitzende im Schulausschuss der Stadt Stolberg. Haas, das Mitglied im Ausschuss für soziale Angelegenheiten, Kultur und Sport sowie im Rat und Hauptausschuss. Dieser Patrick Haas, der nach seinem Lehramtsstudium (Mathematik, Chemie und Biologie für die Sekundarstufe II) im November als Referendar beginnt, ist schon jetzt eher selten zu Hause.

Ein Nimmermüder

Haas macht viel, aber alles auch hundertprozentig. Halbe Sachen sind nicht sein Ding, das hat er noch nie gemocht. ?Auf Partys war und bin ich immer der Letzte, der kommt?, sagt Haas, der noch nie in seiner mittlerweile zwanzigjährigen Sportlerlaufbahn auch nur ein Training für eine Fete ausgelassen hätte. ?Dafür habe ich kein Verständnis.? Patrick Haas war schon in der Jugend ein Nimmermüder. Mit sieben Jahren hat er mit Judo angefangen bei der DJK Roland Stolberg, ?mit zwölf, 13 Jahren meinte meine Trainerin, ich sollte mal nach Walheim zur Hertha gehen?. Sein Talent war überschaubar, doch Elena Takacsova wusste genau, dass der harte Arbeiter Patrick Haas eine Zukunft auf der Matte haben könnte. ?Sie hat mich geprägt und zum Leistungssport gebracht?, erinnert sich Haas an seine Anfänge bei der Hertha.

Die manch einem anderen die Freude am Sport vermiest hätten. ?Die haben mich anfangs als Wurfpuppe benutzt.? Aber Haas blieb dabei, kämpfte im wahrsten Wortsinn weiter, getreu dem Motto: ?Immer wieder aufsteh?n.? Mit 14 nahm er dann erstmals an einer Deutschen Meisterschaft teil, seit Jahren ist er nun schon ein mehr als passabler Bundesliga-Kämpfer. Der seinen Weg unbeirrt gegangen ist, und auf diesem hat er viele Gegner, denen er in der Jugend noch unterlegen war, auf die Matte gelegt. Weil er schon früh nicht nur viel, sondern auch bewusst trainiert hat, ?ich achte auf meinen Körper?. Dazu gehören ?sauberes Krafttraining, gesunde Ernährung?. Einzig der Ehrgeiz macht dem Kämpfer in der Klasse bis 90 Kilogramm manchmal einen Strich durch die Rechnung. ?Ich bin oft zu ehrgeizig, und dann fehlt mir auf der Matte die nötige Lockerheit.? Mentales Training hat geholfen, ?es ist schon besser geworden?.

Wenn die Hertha am Samstag den Hinkampf in der Abstiegsrunde gegen den JC 66 Bottrop bestreitet, wird Haas vielleicht nur neben der Matte stehen. ?Robert Westerkamp ist Gott sei Dank wieder fit?, freut sich Haas über die Rückkehr des nach einer Daumen-Operation in der Vorrunde ausgefallenen DM-Dritten. ?Realistisch wäre ich gegen Bottrop keine Verstärkung für das Team?, weiß der Fan des Fußball-Zweitligisten 1. FC Köln, was nicht an seinem überbordenden Ehrgeiz liegt. Bottrops 90-kg-Mann Aaron Hildebrand ?liegt mir überhaupt nicht?. Also konzentriert sich Haas wahrscheinlich auf das Coachen der Mannschaft, das er sich mit Frank Heynen teilt. ?Wir sind nur Außenseiter, aber ich bin optimistisch?, sagt Haas vor dem ersten Duell mit den Bottropern (siehe Spaltenmeldungen), die in der Hinrunde das Duell mit der Hertha für sich entschieden haben. Für die Walheimer spricht ihr Teamspirit, der bei der Hertha einen sehr hohen Stellenwert besitzt. Was eher selten ist in der klassischen Einzelsportart Judo. ?Dieses Mannschaftsgefühl ist einzigartig?, sagt Haas, ?wir sind eine große Familie.?

Die hat Haas einmal für ein Jahr verlassen, weil es einige Unstimmigkeiten gab. Und in solchen Fällen ist Patrick Haas eben ziemlich konsequent. Er blieb nicht mit halbem Herzen bei seiner Hertha, sondern ging mit ganzem Herzen für eine Saison zum Zweitligisten Bayer Leverkusen, ?und es war kein verlorenes Jahr?. Doch der ?verlorene Sohn? kehrte zurück und brachte wieder seine Stärken ein. Ob in der Politik oder neben der Matte, Haas mag es, strukturell zu arbeiten, Konzepte zu entwickeln und sie umzusetzen. Die Jugendarbeit im Verein hat er neu definiert, ?wir sind auf einem guten Weg?.

Wie auch Haas, der in zehn Jahren vielleicht Lehrer in Spanien ist oder Berufspolitiker. Aber nicht Judo-Bundestrainer, ?denn eine Familie möchte ich auch noch gründen?. Sagt er, verabschiedet sich und geht ? nicht nach Hause. Erst in die Ausschusssitzung und am späten Abend ins Fitness-Studio mit Parteifreund und Herthas Judo-Abteilungsleiter Martin Peters. ?Wir gehen noch ein Stündchen aufs Laufband, wir haben einiges zu bereden.?

Auch abseits der Matte eine Stütze für die Athleten

Schon Ole Bischof schätzte den Ehrgeiz und Einsatz von Patrick Haas. Der Olympiasieger von Peking 2008 erkor seinen Freund zum Trainingspartner vor den Olympischen Spielen in London 2012. Bischof gewann dort Silber, und Patrick Haas, Augenzeuge an der Matte, hatte auch seinen Anteil am Erfolg.

?Er ist immer für uns da, er ist ganz nah am Athleten dran?, erzählt Lars Entgens, ?auch abseits der Matte ist er für mich immer eine große Stütze.? Auch Entgens hat noch nie erlebt, dass Haas eine Trainingseinheit verpasst hätte. ?Sein Fachwissen ist schon sehr groß?, urteilt der 20-Jährige über seinen Individual-Coach, ?da hat er sicher von der Zusammenarbeit mit Ole Bischof profitiert.? Und davon profitieren jetzt auch Entgens und seine Walheimer Kollegen. (fö)

(AZ/AN vom 18.09.2013)

Autor: Ulrich Niemann

Letzte Änderung: 15.04.2014

Erstellt am: 18.09.2013


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